Letztens
in der Galerie beim Feurle
Amrei Wittwer zu sehen von 18 September bis Ende November. Die Künstlerin beruft
sich auf die ältesten Objekte der Menschheitsgeschichte, Venusfigurinen und Kulttischchen. Diese Artefakte sind
spirituelle Werkzeuge für den Umgang mit dem Anderen und Ausdruck der Mitgeschöpflichkeit mit allem Lebendigen.
Der Philosoph Markus Gabriel nennt Physikalismus, Neurozentrismus und moralischen Nihilismus drei gefährliche
Irrtümer unserer Zeit. Hier setzt Amrei Wittwers
Paläolitischer
Schrein im Antropozän
an: Sie öffnet den Blick für Religion, Ethik und Magie – Felder, in denen Kunst seit jeher wirkt. Mit feiner
Intuition und akribischer Recherche rekonstruiert sie bis zu 40.000 Jahre alte Funde, greift Materialien und
Formen der Steinzeit auf und verbindet sie mit heutiger Symbolik. So entstehen Objekte, die wie Relikte erscheinen
und zugleich wie Werkzeuge für künftige Rituale. Vor diesem Schrein tun sich Fragen auf: Was heißt es, im
Anthropozän zu leben? Woran glauben wir? Mit wem Teilen wir unsere Hoffnungen? Wer trägt Verantwortung? Mehr zur
Künstlerin auf
www.amreiwittwer.com
Mathias Garnitschnig zu sehen von 10 Juli bis Mitte September 2025. In einer
laborhaft anmutenden Umgebung sehen wir ein – ja, was? Der Form nach ist es ein Stein, leblose Materie. Aber wir
entdecken Hautstrukturen, Poren, Falten, Haare, wenn man genau hinsieht: Schweiß. Leben! Im Werk von Mathias
Garnitschnig begegnen wir immer wieder dem Begriff „Biomorph“. Wörtlich aus dem Griechischen wäre das in etwa
„lebensförmig“, und tatsächlich entstehen nicht wenige Arbeiten unter Mitwirkung von Organismen wie Pilzen, Algen
und Moosen. Er macht Lebensformen und Lebensspuren sichtbar, die uns sonst verborgen blieben. Betrachten wir den
Hautstein
genau, können wir nicht einfach wieder wegsehen. Er ist nicht länger ein Objekt, er wird lebendig – vor unseren
Augen und durch uns, etwas fremdes Lebensförmiges. Wir können es nicht einschätzen, sind verunsichert. Muss man
es füttern? Ist ihm kalt? Fürchtet es sich im Dunkeln? Wir müssen uns entscheiden – wollen wir es mögen oder von
uns stoßen? Eine Frage, die sich bei vielem, was fremd erscheint, stellt. Wir müssen uns entscheiden. Mehr zum
Künstler auf
mathiasgarnitschnig.com
Ruben Aubrecht zu sehen von 24 April bis Anfang Juli 2025. Der Künstler lässt uns
hinter die Kulissen unserer eigenen Realität blicken, oft, indem er uns zeigt, was ohnehin da ist. Mit seinem
scharfen Blick schärft er unseren Blick. Er transformiert Technologie in für uns fassbare Bilder. Im ersten Teil
der Arbeit,
Ohne Titel
(Höherer Algorithmus),
spüren wir die Präsenz einer unsichtbaren Macht. Eine kleine Beschriftung verrät uns: Ein Algorithmus ist hier am
Werk und übermittelt uns blinkend eine Botschaft. Es schwingt eine Referenz an Sigmar Polke und seine „Höheren
Wesen“ mit. Bei beiden, Polke und Aubrecht, können wir uns fragen: Wer befiehlt hier – und warum? Folgen wir dem
Befehl oder verweigern wir uns? Waren es bei Polke noch Geistwesen, so ist es bei Aubrecht heute ein Algorithmus.
Das Göttliche ist dem Technologischen gewichen. Der zweite Teil der Arbeit,
Ohne Titel
(Auflösung),
stellt sich als „Rabbit Hole“ heraus, wie bei Alice im Wunderland. Einmal an seinen Rand getreten, fallen
Betrachter:innen durch Raum und Zeit und Medien. Wir blicken auf ein Kunstwerk in einem Foto auf einem Smartphone,
in einer Fotografie, an den Wänden einer Galerie, in einem Buch, auf einem Foto, in einer Galerie. Ohne große
Effekte arbeitet Ruben Aubrecht mit klugem Blick, formaler Klarheit und feinem Humor. Mehr zum Künstler auf
rubenaubrecht.net
Severin und Primin Hagen zu sehen von 30 Jänner bis Ende April 2025. Sie bauen mit
ihrer Arbeit
Escalade
eine Szenerie vor uns auf, ein Südseeidyll. Im Hintergrund: Palmen vor blauem Himmel, im Vordergrund eine Gruppe
von – ja, von was? Artefakten eines indigenen Volkes, Piktogrammen einer uns unbekannten Kultur oder eigenständigen
Entitäten, die sich am Strand um ein petromaskulines Lagerfeuer scharen? Sind wir in eine archäologische
Ausgrabung geraten, oder sind wir Zeugen eines unbekannten Ritus der Prä-Astronautik? Auf den zweiten Blick stellt
sich heraus, dass nicht einmal die Palmen das sind, was sie vorgeben zu sein. Was ist hier wirklich, was ist
gemeint? Gibt es das Exotische noch – und, ist es aufregend und verheißungvoll oder nur noch fremd? Um welche
Lagerfeuer versammeln wir uns heute? In welchen Zeiten leben wir? Während wir Detail für Detail dechiffrieren,
wirkt das Gesamte wundersam vertraut. Mehr zu den Künstlern
Pirmin Hagen und
Severin Hagen.
Roland Adlassnigg zu sehen von 21 November 2024 bis Ende Jänner 2025. Seine Arbeit
trägt den Titel
Stein des
Anstoßes
und tatsächlich handelt es sich um einen Stein, einen Marmorbrocken. Schwebend, halb innerhalb und halb ausserhalb
der Galerie, scheint der Stein fliehen zu wollen, auszubrechen. Allerdings zersplittert das Glas nicht, es gibt
auf wundersame Weise nach. Gefrorene Zeit. Was geht hier vor? Der "Stein des Anstoßes" ist ein geflügeltes Wort,
das aus der Feder von Martin Luther stammt. Der Stein, den wir hier sehen hat tatsächlich etwas von einer
Reliquie. Menschen kommen und berühren ihn, in der Hoffnung auf ... ja, auf was denn? Glück? Kindersegen?
Reichtum? Ganz glatt ist die Spitze des Steines, die aus dem Glas herausragt. Tausende Hände und Hoffnungen müssen
sie schon berührt haben, wie die Ritter in der Schwarzmanderkirche in Innsbruck oder den „Charging Bull“ in
Manhatten. Mehr zum Künstler auf
roland-adlassnigg.com
Luka Berchtold zu sehen von 13 September bis Mitte November 2024. Ihre Arbeit trägt
den Titel
Anniversary
und hat ihren Ausgangspunkt, wie oft bei Luka Berchtold, in Objekten oder Erfahrungen aus ihrem persönlichen
Alltag – so auch hier. Die Blumen, die den Strauß bilden, sind nicht einfach nur Material. Jede von ihnen wurde der
Künstlerin zu einem bestimmten Anlass geschenkt. Jede repräsentiert einen Moment, eine Begegnung, einen Grund. Wir
wissen nichts darüber, können uns aber fragen, wie wir unseren eigenen Strauß binden würden. In ihrer
bildhauerischen Arbeit behalten Objekte oft ihr typisches Aussehen, wechseln ihre Materialität jedoch radikal. Die
Zartheit und Vergänglichkeit, die Blumen eigen ist, bleibt spürbar. Gleichzeitig verwandelt das hell glänzende
Metall das Arrangement, nimmt die Zeit aus der Gleichung, verdrängt die Natürlichkeit und Wärme zugunsten einer
kalten, harten Ewigkeit. Diese Ambivalenz von Zuständen ist dem bildhauerischen Schaffen von Luka Berchtold eigen.
Sie eröffnet uns damit den Raum für unsere eigenen Gedanken und Geschichten. Der Titel ist – ein reiner Zufall –
auch wortwörtlich zu nehmen, denn die Ausstellung von Luka Berchtold markiert den ersten Geburtstag der Galerie
beim Feurle. Mehr zur Künstlerin auf
lukaberchtold.com
Selina Reiterer zu sehen von 6 Juni bis Mitte September 2024. Ihre Arbeit trägt den
Titel
You can’t shop
yourself to a better world.
Die weltweite Textilindustrie war 2020 die drittgrößte Quelle für Wasserverschmutzung und Flächenverbrauch. Das
Färben und Veredeln von Textilien verursacht schätzungsweise 20 Prozent der weltweiten Wasserverschmutzung.
Deshalb will die Die Europäische Union Textilabfälle reduzieren, den Lebenszyklus und das Recycling von Textilien
verbessern. Aber, Altkleider werden meist in Länder außerhalb der Europäische Union exportiert, dort aber nicht
weiterverwendet oder recycelt sondern zu 87 Prozent verbrannt oder landen auf Deponien. Wir glauben wir könnten
durch unseren Konsum etwas verändern, weil die konsumorientierten Strukturen in denen wir Leben es uns glauben
lassen. Saubere und nachhaltige Waren sollten die Lösung sein. Und so produzieren wir weiter und immer weiter. Es
gibt einfach zu viel. »You can’t shop yourself to a better world« ist selbst weder ein besseres, noch saubereres
Projekt. Es führt uns nur das Paradox vor Augen, dass wir glauben durch Konsum weniger Müll und Schadstoffe
erzeugen zu können. Wir brauchen nichts. Recycling und Verzicht sind Wege die wir gehen könnten um es wenigsten zu
versuchen. Mehr zur Künstlerin auf
selinareiterer.com
Katharina Fitz zu sehen von 4 April bis Ende Juni 2024. Ihre Arbeit trägt den Titel
Call and
Response.
Der Begriff des Titels bezieht sich auf eine Kompositionstechnik in der Musik, eine Abfolge von zwei
unterschiedlichen Phrasen, die wie ein Gespräch funktioniert. Ein Spieler bietet eine Phrase an, und ein zweiter
Spieler antwortet mit einem direkten Kommentar. In „Call and Response“ sind die charakteristische Überlegungen der
Künstlerin zu Material und Prozess sowie zu Form und Ort offensichtlich. Die Arbeit adressiert Transfer und
Vergänglichkeit, die ein Echo von Kommen und Gehen sind. Die Skulptur schwebt in ihrer Form zwischen Entstehung
und Präsentation, scheint mitten im Werden angehalten, nur vorübergehend an Ort und Stelle, möglicherweise auch
aufgegeben worden zu sein. Innerhalb dieser Reibung von Bewegung und Stillstand entsteht es ein Gefühl des
Wartens, das uns einen genaueren Blick auf Materialien und Prozesse gewährt. Mehr zur Künstlerin auf
katharinafitz.com
Maria Anwander zu sehen von 25 Jänner bis Ende März 2024. Die Arbeit
Untitled
erkundet die komplexen Beziehungen zwischen menschlichem Streben, technologischem Fortschritt und Unberührtheit
der Natur. Maria Anwander präsentiert uns in ihrer kargen, präzisen Ästhetik einen Ausschnitt der unendlichen
Weite des Weltalls und fragt nach unseren Grenzen – ethisch, ökologisch, politisch. Das erste Space Race war
geprägt von Systemkonkurrenz, trug aber eine Hoffnung »for all mankind« in sich. Der aktuelle Wettlauf von Staaten
und neu auch Unternehmen ist vor allem von kapitalistischen Erwägungen und Erwartungen geleitet. Es gilt, sich
neue Territorien und ihre Ressourcen Untertan zu machen. Gleichzeitig mit ihrer kritischen Betrachtung weckt Maria
Anwander eine poetische Sehnsucht nach dem Unbekannten und der Schönheit, gibt nicht alles verloren, verheißt uns
Ungeahntes im Staub anderer Planeten. Mehr zur Künstlerin auf
maria-anwander.net
Ronja Svaneborg zu sehen von 7 Dezember 2023 bis Ende Jänner 2024. Die Arbeit
Giddy goes
Ghillie
operiert als verzerrter
Audioguide. Statt Erklärungen und Kontextualisierungen anzubieten, nähert sich
das Audiomaterial dem Konzept der Desorientierung aus verschiedenen Richtungen – räumlich, kulturell, kognitiv,
sozial – und lädt den Besucher in einen desorientierten Overdrive ein. Wie ein Selbsthypnose-Tape aufgebaut, wird
eine wiedererkennbare Stimme verwendet, die dem Soul-Guide ähnelt und dem Hörer immer wieder sagt, was passieren
wird, sobald der Erzähler von 10 bis 1 heruntergezählt hat; was aber nie geschieht. Auf diese Weise bewegt sich
die Arbeit in einem liminalen Raum; sucht nicht dem schnellsten Weg, die Desorientierung zu überwinden, sondern
untersucht, was geschieht werden, wenn wir uns der Erfahrung hingeben. Der Guide spricht von der Idee der Tarnung,
Teil einer Umgebung zu werden und in eine aufgelöste Präsenz einzutreten. Je präziser eine Tarnung ist, desto
geringer die Bandbreite der möglichen Bewegungen. Mehr zur Künstlerin auf
ronjasvaneborg.com
Claudia Larcher zu sehen von 22 September bis Ende November 2023. Die Arbeit
Stillleben
3000
ist Claudia Larchers zeitgenössischer Dialog mit der Tradition des klassischen Stilllebens. Dieses digital und
mithilfe künstlicher Intelligenz erzeugte Kunstwerk zieht seine Inspiration aus dem Schaffen von
Rachel Ruysch, einer der
wegweisenden niederländischen Künstlerinnen des 17. Jahrhunderts. In ihrer Neuinterpretation eines
Blumenstilllebens
schafft Larcher eine Brücke zwischen Vergangenheit und Gegenwart, klassischer Kunst und modernem Konsum sowie
zwischen natürlichen und technologischen Elementen. Dabei werden traditionelle Vanitas-Symbole im Kontext der
heutigen Zeit neu belebt. Ein technoid anmutender Vogelschädel dient als Mahnung der Vergänglichkeit und ruft
gleichzeitig die drängenden Fragen von Klimawandel und Artensterben ins Gedächtnis. Die Zerbrechlichkeit des
Lebens, einst durch Glas symbolisiert, wird hier durch ein zerbrochenes Smartphone neu inszeniert. Auch das
Konzept der Zeit wird aktualisiert: Statt Sanduhren kommt eine animierte Rolex zum Einsatz. Larcher verwendet
Kunstblumen aus Plastik, die in ihrer unvergänglichen Perfektion den Zeitgeist des 21. Jahrhunderts widerspiegeln
und auf ökologische Herausforderungen unserer Zeit hinweisen. Mehr zur Künstlerin auf
claudialarcher.com